Das Weblog von Ärztinnen und Ärzten aus Oberösterreich

Seelische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen - Auffälligkeiten im Verhalten ernst nehmen

Primar Dr. Michael Merl

Die gesunde seelische Entwicklung des Kindes ist ein Prozess, der von vielen Faktoren beeinflusst ist. Vom ersten Tag an braucht der Säugling auf dieser Welt, Liebe, Unterstützung, Schutz, Fürsorge und Förderung durch Eltern/Bezugsperson und Umgebung, um sich mit und in der Welt zurechtzufinden. Psychische Gesundheit bedeutet, dass wir mit den täglichen Herausforderungen des Lebens – positiv oder negativ – gut zurechtkommen. Die Resilienz, die psychische Widerstandkraft in Not und Krise, kann man lernen und üben. Selbstwert, Selbstvertrauen und das Wissen, um die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen und um Konflikte auszuhalten und zu lösen, sind nur einige der Kriterien, die einen seelisch stabilen Menschen kennzeichnen. Rund ein Viertel der Kinder und Jugendlichen zeigen psychische Auffälligkeiten oder Störungen. Nicht alle davon sind behandlungsbedürftig. Jugendliche erleben hin und wieder Schwankungen von Stimmung und Antrieb, Reizbarkeit und unangepasstes Verhalten oder verstärkte Selbstzweifel als Teil ihrer Persönlichkeitsentwicklung, manchmal verursacht durch die hormonellen Veränderungen in der Pubertät. Das ist alterstypisch und geht meist vorüber. Bei folgenden Anzeichen soll der Kinder- und Jugendpsychiater, Kinderpsychologe oder eine Familienberatungsstelle aufgesucht werden. Experten sollen abklären, ob eventuell eine Angststörung, Depression, ADHS, Persönlichkeitsstörung etc. vorliegt:

• Sozialer Rückzug und soziale Ängste

• Körperliche Symptome wie immer wiederkehrende Kopfschmerzen oder Bauchweh

• Suchtartiges Verhalten: Substanzen, neue Medien, Magersucht, Bulimie etc.

• Selbstverletzendes oder selbstschädigendes Verhalten wie Ritzen, exzessiver Konsum von Alkohol etc.

• Suizidäußerungen und Lebensüberdruss-Gedanken

• Wenn man als Eltern das Gefühl hat, das Kind „nicht mehr zu erreichen“, keinen Kontakt mehr zu ihm findet

• Unerklärte Änderungen im Verhalten und Ausdruck, zum Beispiel paranoide, psychotische Äußerungen

• Unerklärlicher Abfall der Schulleistungen

• Verhaltensauffälligkeiten wie Hyperaktivität, Aggressivität, Apathie, völliges Desinteresse etc.

• Abnahme des Körpergewichts oder Heißhungeranfälle und Veränderungen im Essverhalten oder Essensverweigerung

Eltern sollen auch in schwierigen Zeiten versuchen, in Kontakt mit dem Kind zu bleiben und ihm zu vermitteln: „Ich bin da, offen für ein Gespräch. Ich begleite und unterstütze dich. Du bist nicht allein!“ Frühestmögliche, professionelle Hilfe kann vielleicht verhindern, dass sich eine psychische Erkrankung manifestiert.

Primar Dr. Michael Merl ist Vorstand der Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters im Kepler Universitätsklinikum Linz.

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