Lehrpraxis: Österreich ist Schlusslicht in Europa

Wer Allgemeinmedizner werden will, muss im Rahmen der Ausbildung verpflichtend ein Jahr Praxis in einer Ordination machen, fordert die Ärztekammer. Was diese Lehrpraxis bringt und warum es seiner Meinung nach kurzsichtig ist, sie nicht umzusetzen, erklärt Ärztekammerpräsident Dr. Peter Niedermoser im Interview.

Herr Dr. Niedermoser, was muss ich derzeit tun, wenn ich als Allgemeinmediziner eine Ordination aufmachen will?

Nach dem Medizinstudium machen Sie drei Jahre praktische Ausbildung – den so genannten Turnus – im Spital. Die Turnusärzte werden in verschiedenen Spitalsabteilungen ausgebildet, arbeiten und lernen unter Anleitung. Paradoxerweise gibt es derzeit aber keine verpflichtende Ausbildung in den Ordinationen.

Ich kann mich also als Allgemeinmediziner niederlassen, ohne während der Ausbildung Erfahrungen in einer Ordination gesammelt zu haben?

Es gibt einige wenige Plätze für Lehrpraktikanten. Die Ärzte, die das Glück haben, ein solchen zu ergattern, beurteilen die Lehrpraxis durchwegs positiv. Die überwiegende Mehrheit der Ärzte absolviert ihren Turnus aber ausschließlich in den Spitälern. Viele entscheiden sich danach für eine Facharztausbildung …

… das heißt, die Turnusärzte von heute sind nicht unbedingt die Hausärzte von morgen?

Genau. Viele bleiben dann im Spital. Das verwundert mich nicht: Man lernt ja die Arbeit in der Ordination, die speziellen Herausforderungen dort, während der Ausbildung nie kennen.

In vielen europäischen Ländern gibt es eine öffentlich finanzierte verpflichtende Lehrpraxis zwischen 12 und 48 Monaten …

Was die Lehrpraxis betrifft, ist Österreich Schlusslicht in Europa! Dabei haben wir ein Ausbildungskonzept erstellt, das den internationalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. 

Das Projekt scheitert bis dato an der Finanzierung…

... es geht um rund 15 Millionen Euro im Jahr. Diese Summe würde nicht nur dazu beitragen, die Ärzteausbildung maßgeblich zu verbessern, sondern wäre auch ein wesentlicher Beitrag zur Sicherung der medizinischen Versorgung am Land. Es ist mir absolut unverständlich, warum die Landeshauptleute, die immer wieder ihre Sorge um die gute medizinische Versorgung kund tun, nicht das Ihre dazu beitragen, das Problem zu lösen. 

Drei Fragen an…
Dr. Doris Müller, Turnusärztevertreterin


Kann man die Medizin, die man in der Ordination für Allgemeinmedizin braucht, auch im Krankenhaus lernen?
Die fachliche Kompetenz kann man im Krankenhaus lernen. Die Situationen, mit denen man als Arzt im niedergelassenen Bereich konfrontiert ist, sind in der Ordination aber anders: Es macht einen Unterschied, ob man die gesamte Spitalsinfrastruktur hinter sich hat oder entscheiden muss, was man selber machen kann und wen man ins Spital überweisen soll. Diese Sicherheit kann man nur in der Praxis erlernen.


Wie müsste eine Lehrpraxis aussehen, um die Turnusärzte gut auf die Praxis in der Ordination vorzubereiten?
Ein Jahr Lehrpraxis am Ende der Ausbildung wäre ideal. Dann hat man schon Erfahrung gesammelt, die man in der Praxis vertiefen kann. Ein Jahr gibt außerdem die Möglichkeit, eine Beziehung zu den Patienten aufzubauen und die gesamte Palette der allgemeinmedizinischen Praxis kennen zu lernen.


Wäre die Lehrpraxis ihrer Meinung nach dazu geeignet, mehr Ärzte in die Praxis zu holen?
Davon bin ich überzeugt: Wenn ich etwas aus eigener Erfahrung kenne, wenn ich weiß, was mich erwartet, werde ich mich eher dafür entscheiden.

 

 

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